Was ist ein Volontariat?

Ein Volontariat ist eine freiwillige Ausbildung zum Journalisten. Meist dauert zwischen 12 und 24 Monaten. Da es gesetzlich nicht geregelt ist, macht jeder Verlag seine eigenen Regeln. Ob es einen geregelten Ausbildungsplan gibt oder die Volontäre wie alle anderen Mitarbeiter vor sich hin schreiben, ist damit die Entscheidung des Verlags oder Medienhauses.

Warum ich mich dagegen entschieden habe

Da ich den Luxus hatte, schon vor dem Studium zu wissen, was ich damit später anfangen will, habe ich vom zweiten Semester an in den Ferien Praktika gemacht. Meine Idee: Durch mehrere Monate Mitarbeit in insgesamt neun verschiedenen Redaktionen, wollte ich unterschiedlichste Stile, Themen und journalistische Methoden kennenlernen. So habe ich mir eine journalistische Walz zusammengestellt.

Nach dem Studium hatte ich dadurch gleich eine ganze Reihe von Rahmenverträgen als freie Mitarbeiterin und konnte direkt in die lang ersehnte Arbeit als Journalistin starten. Gelegentlich bekam ich einen Volontariatsplatz angeboten – doch nach sorgfältiger Überlegung lehnte ich jedes Mal ab.

Im Wesentlichen hatte meine Entscheidung zwei Gründe. Der eine ist strategischer, der andere ethischer Art.

Ethische Gründe

Mindestens ebenso gewichtig waren für mich jedoch die ethischen Gründe – denn: die meisten Volontariate werden rasend schlecht bezahlt – und das sehe ich einfach nicht ein. Schließlich sieht die Realität oft so aus, dass die Volontäre mit den freien Mitarbeitern in derselben Redaktion sitzen, dieselbe Arbeit erledigen und dasselbe Feedback bekommen. Warum sollte sich ein gut ausgebildeter Mensch, nach Studium, Praktika und einem Auswahlverfahren für dieselbe Arbeit schlechter bezahlen lassen? Für das Fleisssternchen im Lebenslauf? Fürs Ansehen? Oder für Ruhm und Ehre? Ein echter Mehrwert hat sich mich nicht erschlossen, für den ich bereit gewesen wäre, mich derart schlecht bezahlen zu lassen.

Zudem halte ich es für bedenklich, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem man eine Bezahlung Meilen jenseits des Mindestlohns akzeptiert. Denn so akzeptieren wir ausbeuterisches Gebaren am Markt. Schließlich wird ein von einem Volontär verfasster Artikel nicht günstiger an die Leser verkauft als jeder andere Artikel. Wie rechtfertigen Medienhäuser also die Praxis, die Ausbildung bereits bewährter Kollegen derart prekär zu entlohnen? Mir ist bislang jedenfalls noch kein guter Grund einfallen, warum ich dieses System unterstützen sollte.

Strategische Gründe

Durch meine Praktika hatte ich den Eindruck, dass die Redaktionen, bei denen ich hätte volontieren können, nicht zu meinen Plänen gepasst hätten. Da ich vor allem Interesse an Wissenschaftsjournalismus und Online-Medien habe, passten die Angebote vom Print-Markt nicht zu meinen Zielen.

Zur gleichen Zeit bekam ich das Angebot, die Idee meiner Masterarbeit mit einer Doktorarbeit intensiver auf den Grund zu gehen. Da aus meiner Sicht das wissenschaftliche Arbeiten journalistischen Grundsätzen folgt, fand ich diese Option gleich sehr spannend – zumal mich das Thema Glück aus meiner Masterarbeit längst nicht losgelassen hatte.

Warum ich promoviert habe

Mir erschien die Promotion als ideale Alternative zum Volontariat. Wobei ein Promotionsprojekt hilft:

  • Netzwerken: Wer in der Promotionsphase nicht vereinsamen will, muss netzwerken. Da ich während der gesamten Promotion Vollzeit gearbeitet habe, war die Gefahr für mich nicht so groß. Dennoch habe ich den Austausch mit Wissenschaftlern und Doktoranden sehr genossen. Auf Menschen zuzugehen ist für mich eine der wichtigsten Fähigkeiten, die auch Reportern bei ihrer täglichen Arbeit hilft.
  • Recherchieren und autodidaktisch arbeiten: Der Kern bei einer Doktorarbeit ist, dass man ein neues Thema eigenständig entwickelt und recherchiert. Ohne diese Fähigkeiten, wird es nichts mit der Promotion – oder dem Journalismus.
  • Hinterfragen und Fragen stellen: Doktoranden, fragen Bücher, Experten, Wissenschaftler und sich selbst – ständig und durchgehend. Fragen ist das tägliche Brot eines Doktoranden. Vor allem in der Philosophie lernen die Studierenden bewusst alles und jeden zu hinterfragen. Für mich ist das die größte Gemeinsamkeit mit dem Journalismus.
  • Argumentionen stringent darlegen: In einer Doktorarbeit legt man eine Idee über hunderte von Seiten systematisch dar, begründet seine Ideen und belegt sie mit Quellen und Daten. Auch das ist eine wertvolle Gemeinsamkeit mit gutem Fachjournalismus.
  • Durchhalten und ein Buchprojekt strukturiert verfolgen: Durchhalten, durchhalten, durchhalten… das ist das Mantra der Doktoranden. Meiner Erfahrung nach kommt fast jeder Doktorand früher oder später an einen Punkt, an dem er zweifelt, warum er sich das ganze antut. Eine Doktorarbeit ist mentaler Ausdauersport. Vor allem, wer Autor werden möchte, ist mit einer solchen Erfahrung gut beraten.
  • Ideen und Theorien wissenschaftlich durchleuchten und abwägen: Studien zu lesen und zu verstehen, ist eine Kunst für sich. Während meiner Promotion bin ich zu einer Datenkrake mutiert und habe pro Tag etwa zehn Studien gelesen und zusammengefasst. Dadurch wurde ich effizienter und kritischer: Zum Beispiel achte ich auch darauf, wer die Studie in Auftrag gegeben hat und wie das Verhältnis von Studien mit positiven und negativen Ergebnissen zu einem bestimmten Thema ist.
  • Schreibstil verbessern: Natürlich gibt es zahlreiche Gegenbeispiele von Dissertationen, in denen es vor umständlichen Schachtelsätzen nur so wimmelt. Mir war es von Anfang an wichtig, dass ein Buch dabei herauskommt, dass auch meine Oma verstehen kann. Deshalb habe ich parallel Kurse belegt, um komplexe Themen in einfache Sprache kleiden zu können.

Einige Jahre nach meiner Entscheidung für die Promotion und gegen das Volontariat bin ich überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war: Die Methoden aus der Wissenschaft, das philosophische Hinterfragen von Theorien und Argumenten und das beharrliche Erforschen eines Themas ist für meinen Job ein riesiges Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.


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