Entstand Corona, weil Chinesen so gerne Fledermäuse essen? Ist das Virus im Labor vorsätzlich gezüchtet worden? Und können Kinder nun Erwachsene anstecken, oder nicht? In der Pandemie wabern Medien zwischen Vermutung, Erkenntnis und Verschwörung: Die Pandemie sorgt für weltweite Verunsicherung. Doch wie können Medien es in dieser Zeit schaffen, für mehr Klarheit zu sorgen?

Selbst totgeglaubte Medien wie das lineare Fernsehen erleben seit Beginn der Corona-Pandemie eine Renaissance: Die Welt hungert nach Informationen. Fast jeden Abend strahlt die ARD ein Extra aus, YouTube und Nachrichtenportale bringen täglich frische Informationen zum Thema Corona. Da die wissenschaftliche Forschung allerdings die Auslöser, Folgen und richtigen Maßnahmen noch nicht abschließend ermitteln kann, bleibt Raum für alternative Gedanken. Verschwörungserzählungen und sogenannte “alternative Medien” nutzen die Lücken zwischen den Tatsachen für ihre Zwecke – und sorgen für einen Mix aus trügerischer Sicherheit und noch mehr Verwirrung.


Warum Wissenschaftsjournalismus wichtig ist

Fakt ist: Wir wissen etwas, aber nicht alles. Ob die Maßnahmen sinnvoll waren oder nicht, das können wir nur im Nachhinein sicher sagen. Deshalb ist ein seriöser Wissenschaftsjournalismus jetzt wichtiger denn je. Er ordnet Erkenntnisse ein, gibt einen fundierten Überblick und setzt Klarheit an die Stelle der Verunsicherung.

Doch längst sind die Gesichter der Corona-Forschung zu Zielscheiben von Hohn und Hass geworden. Die Bild wettert gegen den Virologen Christian Drosten, Drosten richtet sich gegen die mediale Vorgehensweise seines Kollegen Alexander Kekulé. Die in der Wissenschaft sonst so geschätzte sachliche Nüchternheit weicht mehr und mehr einer emotional aufgeladenen Debatte.


Präsident mit Untertiteln

Auch US-Präsident Donald Trump gerät immer wieder in die Kritik: Seine Mitarbeiter berichten, dass er Briefings und Memos mit den wichtigsten Informationen des Tages – wenn überhaupt – nur in Auszügen läse. Einige seiner Mitarbeiter seien dazu übergangen, gelegentlich seinen Namen in die Informationen und Zusammenstellungen einzuweben, da nur das die Aufmerksamkeit des Präsidenten erwecke. Dennoch tritt der unterinformierte Präsident immer wieder mit vollmundigen Versprechungen, wütender Kritik und nicht abgesprochenen Ankündigungen vor die Mikrofone.

Etablierte Medien versucht der Präsident mit dem Vorwurf zu diskreditieren, sie verbreiteten Fake News. So verunsichert er einen großen Teil seiner Bürger*innen und öffnet alternativen Medien die Tür. Mehrmals täglich posaunt Trump seine Gedanken über den Kurznachrichtendienst Twitter in die digitale Welt. Oft in Großbuchstaben, oft mit einer klaren Agenda, selten mit Kontakt zur Realität. Deshalb geht Twitter einen neuen Weg: Unter einigen von Trumps Tweets finden sich nun Links und Hinweise zu wissenschaftlich abgesicherten Informationen zum Thema – die Trumps Tweets widerlegen.

Mit den Untertiteln versucht Twitter den seriösen Journalismus wiederzubelegen und Trumps Auswürfe einzuordnen. Nachdem ein Trump-Anhänger aufgrund einer flapsigen Idee des Präsidenten Desinfektionsmittel zu sich nahm und daran verstarb, scheint diese Maßnahme mehr als sinnvoll. Ob überzeugte Anhänger der alternativen Medien den verlinkten Inhalten Glauben schenken, bleibt dabei zu hoffen. Dennoch birgt es derzeit zu große Risiken für die US-Bürger*innen, die Ideen der vermeintlichen Autorität Donald Trump unkommentiert stehenzulassen.


Medien müssen uns das Durchatmen lehren

Eine solche Einordnung mag auf den ersten Blick wie ein Affront wirken. Doch der Grundgedanke von Twitters Maßnahme ist ehrenwert. Denn das Kerngeschäft des Journalismus ist das Einordnen verschiedener Erkenntnisse oder Meinungen. Und das scheint in einer Krise wichtiger denn je. Dafür ist es zentral, dass auch die Medienschaffenden ihre eigenen Paradigmen hinterfragen. Denn auch eine Theorie, die auf den ersten Blick abwegig klingt, kann gelegentlich richtig sein. Und auch Thesen, die offensichtlich mehr von Aggression denn von Verstand getrieben sind, sollten uns nicht dazu verführen, diese unsachlich zu spotten. Das Motto der Wissenschaftskommunikation ist und bleibt: prüfen, widerlegen, einordnen, gut sein lassen.

Versuchen wir also gemeinsam zurück zu mehr Sachlichkeit zu finden. Das ist unser Job als Wissenschaftsjournalisten. Wir sollten wissenshungrig bleiben, uns nicht vereinnahmen lassen, recherchieren, Studien durchleuchten, und immer kritisch bleiben – egal in welche Richtung wir blicken.

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